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5. Schlußbemerkung

 

        Die vorliegende Untersuchung zeigt, daß die Wertstruktur und die Figurenkonzeption des Italo-Western deutlich als vom traditionellen Western abgrenzende Merkmale fungieren, was von Plotstruktur und Stilistik noch unterstützt wird. Das Wertsystem des traditionellen Western scheitert an der im Italo-Western allgegenwärtigen Dreieckskonstellation. Wer trotzdem nach dem 'Guten' sucht, wird in die Irre geleitet, denn den weißen Hut trägt im Zweifelsfall der Bösewicht. Sein Gegner (der Dritte) entpuppt sich als ebenfalls ziemlich verdorben. Ist schließlich der zerlumpte Stoppelbärtige als Held ausgemacht, wartet die nächste Enttäuschung, denn dieser tut Gutes höchstens durch Unterlassung. Um das Gute zu finden, müßte also das kleinste Übel gewählt werden, womit der Sinn der Übung jedoch verfehlt ist. Was auch versucht wird, die Italo-Western sperren sich dagegen, im herkömmlichen Moralsystem interpretiert zu werden. "Gott ist tot", zumindest im Italo-Western, und der Held ist der Totengräber. Dies wird konsequent in Szene gesetzt, jedes Bild kommt "als Faustschlag" (Greve 1969) daher. Das Versprechen der Titel, Brutalität als solche darzustellen, wird eingelöst, haßerfüllte Augen füllen die Kinoleinwand. "Die Welt ist schlecht", bringt Keoma das Weltbild der Italo-Western auf den Punkt. Die Helden haben dem nichts entgegenzusetzen: "Der Italo-Western war das Genre der Resignation und mußte schon deshalb verschwinden, weil Resignation keine dauerhafte Botschaft abgeben konnte" (Seeßlen 193). In einer Hinsicht haben die Helden ihre Rolle als Messias erfüllt: "Die befreiende Wirkung dieser Filme liegt darin, wie aufrichtig und ohne Hintergedanken sie unsere Phantasien einzulösen bereit sind. Und je zwingender wir diesen unterworfen werden, umso zufriedener gehen wir aus dem Kino" (Bädekerl 1969), und umso befreiter vom Ballast der überkommenen Westernmoral und -stilistik konnten Peckinpah, Siegel und Eastwood nach dem Italo-Western aufspielen.

        Die zunächst rein negativ wirkenden Merkmale des Italo-Western entfalteten sich schnell (d.h. spätestens 1966) als positive, genrekonstituierende 'Spielregeln'. Eine Revolution im Kuhnschen Sinne war damit vollzogen, denn an Stelle eines abgelehnten Paradigmas muß ein neues Paradigma treten können. Das 'Diener zweier Herren'-Motiv wurde zur Tiefenstruktur des Genres , der Nihilismus zum Programm: der Held darf im Italo-Western zwar an der Schlechtigkeit der Welt leiden und darob durchaus auch ein paar Tränen vergießen (Spiel); zeigte er allerdings Skrupel, wenn es darum geht, einen Wehrlosen niederzustrecken oder gar eine Stadt zu entvölkern, wäre der betreffende Film per definitionem kein Italo-Western. Gleiches gilt für die Gewaltdarstellung: 'je härter, desto Italo' ist das Motto. Die aufdringliche Verwendung von Großaufnahmen, die Beweglichkeit der Kamera bei Subjektiv-Einstellungen tun das Ihre, daß Italo-Western als etwas Besonderes im Gedächtnis bleiben (wenn auch bei manchen als etwas besonders Triviales).

        Während mit Für eine Handvoll Dollar ein relativ klarer Startpunkt angegeben werden kann, ist das Subgenre Italo-Western auf der Zeitachse nach hinten offen: Die 'Spielregeln' diffundierten in das Westerngenre insgesamt, das Regelsystem wurde vom amerikanischen Markt assimiliert. Erbarmungslos ist geradezu ein perfektes Beispiel hierfür: der Held des Italo-Western arbeitet zunächst im Team mit "professionals", tritt dann aber doch einsam wie eh und je gegen den Sheriff und die Bürger des traditionellen Western an.

 

            Ziel dieser Arbeit war es, ein Genre bzw. Subgenre mit Hilfe eines systematischen Analyseapparates in den Griff zu bekommen. Die Italo-Western boten sich insofern als geeignetes Untersuchungsobjekt an, als sie schon intuitiv schnell als zusammengehörig und verschieden von anderen Western erkannt werden (bzw. schon Mitte der sechziger Jahre erkannt wurden), jedoch Arbeiten dazu kaum über impressionistische Darstellungen bzw. ausführlichere Inhaltsangaben hinausreichten. Hier sollten nun systematisch die 'Spielregeln' ergründet werden, die den Italo-Western als Subgenre des Western definieren. Dies erforderte eine dialektische Erklärungsstrategie, die einerseits negativ darstellt, welche 'Spielregeln' des traditionellen Western durch den Italo-Western verletzt werden, andererseits aber positiv herausarbeitet, welches neue System von 'Spielregeln' im Italo-Western entwickelt wird.

 

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