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4.2 Mediumspezifische Techniken

 

4.2.1 Detailaufnahmen

 

        Als kennzeichnendste handwerkliche Gebärde des Italo-Westerns bezeichnet Bädekerl den "Zoom, der nicht mehr sehen läßt, sondern zwingt zu sehen" (601). Leone berichtet, er habe Nahaufnahmen auf Kosten der im amerikanischen Western üblichen Totalen so häufig eingesetzt, um die Emotionen deutlich einzufangen, die sich aus den Augen der Schauspieler ablesen lassen:

 

Als Fonda seine Feinde auf der Straße erschossen hat, wobei ihm Bronson vom Balkon aus zu Hilfe kam, sieht er zu ihm hinüber, und in seinem Blick ist sein ganzer Charakter, sein ganzes Problem zu erkennen und auch die Vorahnung des Endes.  (Leone zitiert nach Fornari 20)

 

Pumphrey (1989) interpretiert das häufige Einsetzen von Nahaufnahmen der Augen der Schauspieler schon im traditionellen Western als Inszenierung von Maskulinität, was im Italo-Western natürlich noch gesteigert wird:

 

Indeed the demonstration of the gaze as an instrument of male power is integral to their [the Westerns] narrative formulae, iconography and character-coding. When the hero spots the tremor of the lace curtain that identifies a hidden gunman or reads tracks for their invisible meanings, he affirms his power over his environment, a power that, through editing or camera angle, the spectator is regularly invited to share.  (85)

 

        In den Anfangsszenen von Todesmelodie läßt Leone die Kamera so dicht an die Schauspieler herangehen, daß weder für Emotion noch für den "male gaze" Raum im Bild bleibt. Ein einzelnes Auge prangt auf der Leinwand, so daß man den Lauf der Äderchen im Glaskörper verfolgen kann; die Kamera schiebt sich so nah an einen essenden Mund, daß man die einzelnen speichelbekleckerten Schnurrbarthaare zählen kann. Die Nahaufnahmen haben hier einzig den Sinn, die Körper der Menschen als solche bloßzustellen, um in der Reduktion der Menschen auf ihre Körperlichkeit jegliche (vor allem chauvinistische) Ideologie als Hybris zu entlarven.

        Das durch die Detailaufnahmen entstehende pars-pro-toto ist ein häufiges Stilmittel in allen Italo-Western: wenn ein Held die Szene betritt, so sieht der Zuschauer von ihm zunächst nur die Stiefel. Das feste Aufsetzen des Fußes zeigt, daß keine friedlichen Handlungen zu erwarten sind (z.B. Anfangsszene von Django, Duell in Handvoll etc). Ein glimmender Zigarillo oder auch nur der Rauch eines Zigarillos bedeutet in Halunken, daß der Blonde nicht fern ist.

        Nahaufnahmen werden nicht wie im traditionellen Erzählkino als höchstens sekundenlange Impressionen in Halbtotalen eingebettet, sondern erhalten besondere Wichtigkeit, indem sie gnadenlos ausgekostet werden, wie Greve (1969) treffend beschreibt:

 

Die Hutkrempe füllt die obere Leinwandhälfte. Die Männervisage darunter eisig, verachtend, regungslos, ah regungslos! Wie lange noch? Sehr, sehr lange. Regungslos. Zuckt einmal. Und weiter regungslos, regungslos die Visage. Und dann spuckt sie Tabaksaft.  (556)

 

        Durch solche extreme Blicklenkung auf Details wird dem Zuschauer versagt, sich im Raum zu orientieren, die Häufung der Großaufnahmen hat somit eine wichtige Funktion für den Aufbau von Suspense:

 

Je unmittelbarer das Bild in der Großaufnahme einen fixierten Halt, eine Sicherheit des Blicks suggeriert, desto ungewisser läßt es den Zuschauer: Der Terror ist präsent durch seine Abwesenheit im Bild.  (Schütte 38)

 

        Das Fehlen von Orientierungsmöglichkeiten und Erklärungen produziert eine für den Western bis dahin untypische Erzählweise, die vielmehr als Anleihe beim Horrorfilm zu deuten ist (vergl. Wenders 649). Gleiches gilt für das Draufhalten der Kamera bei Gewaltszenen, das Leid und Tod zum ästhetischen Akt hochstilisiert. Leone: "Im amerikanischen Western sterben die Helden häßlich im Hintergrund. Bei mir sterben sie im Vordergrund - unheimlich schön" (Jeier 203). Anders als im amerikanischen Western sterben die Menschen nicht sauber, ohne Blut, sondern Corbucci beispielweise zeigt

 

jede Menge sadistischer Details...Die Abscheulichkeiten...erscheinen nunmehr als solche...Man nimmt an einer lustvoll blutigen Orgie teil, goutiert ihre Präzision, und erschrickt am Schluß darüber, daß Corbucci [mit Leichen] tatsächlich nur eine sadistische Orgie gezeigt hat.  (Blumenberg 30)

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