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3.4.2.5 Seine Wurzeln

 

        Während der Held der Italo-Western als Persiflage auf den Helden des traditionellen Western verstanden werden kann, ist doch nicht zu übersehen, daß er sich als Held in einer langen Tradition befindet. Winkler (1985) verfolgt in seinem Beitrag zur Analyse des Westernmythos die Erzähltradition zurück bis in die Antike und vergleicht den Westernhelden mit dem Helden der griechischen Sagen. Die Gemeinsamkeiten, die er zwischen beiden feststellt, sollen hier wiedergegeben werden, soweit sie auf den Italo-Western übertragbar sind:

 

        a. Der Held hat ein besonderes Verhältnis zu seinen Waffen.

        Die Helden der Antike trugen von Hephaistos geschmiedete, d.h. göttliche Waffen, und König Arthur und Siegfried waren ebenfalls im Besitz magischer Waffen. Winkler räumt ein, daß der magische oder göttliche Aspekt in Bezug auf die Waffen des Westerners nur selten explizit wird,[1] argumentiert jedoch, daß die Treffsicherheit der Westernhelden als Hinweis auf Magie gelten mag. Diese Sicherheit im Umgang mit der Waffe nimmt bei den Helden der Italo-Western nicht nur extreme Formen an, wird ganz und gar übermenschlich, sondern rückt auch ins Zentrum des Interesses:

        Joe, der Held aus Handvoll, zieht unglaublich schnell und trifft so gut wie alles, was er will. Für ihn macht es daher keinen Unterschied, ob er nun drei, vier oder fünf Revolverhelden im offenen Kampf gegenübersteht. Die Zahl der Patronen in seinem Revolver setzt ihm die einzige Grenze bezüglich der Zahl der Gegner. Der Blonde aus Halunken trifft eine Galgenschnur auf Hunderte von Meter, Sabata schießt mit seiner extrem kurzläufigen Pistole nie daneben. Django kann in Djangos Rückkehr sein Maschinengewehr direkt in eine wild durcheinanderlaufende Menschenmenge halten, wobei er jedoch nur Bösewichter trifft und weder deren Pferde noch unschuldige Bauern. Den Helden wird so oft die Gelegenheit gegeben, ihre Meisterschaft im Schießen unter Beweis zu stellen, daß Kließ (1966: 40) den Eindruck erhält, Leone definiere seine Figuren lediglich durch deren Schießkünste. Ebenso meint Mengershausen, daß "das einzige Charakteristikum, das [den Helden] abhebt von den anderen Figuren des jeweiligen Films und zum Protagonisten stempelt, darin besteht, daß er besser schießt als alle anderen" (20).

        Der Held schießt jedoch nicht nur besser, sondern er kennt sich insgesamt mit Waffen besser aus: Halunken verwendet viel Zeit darauf, das Verhältnis der Protagonisten zu ihren Waffen zu verdeutlichen. So wird gezeigt, wie der Blonde einen Moment der Muße ausnutzt, um sorgfältig seinen Revolver zu reinigen. Tuco stellt sich als Connoisseur heraus, als er einem Waffenhändler die besten Revolver auseinandernimmt, um sich aus den Einzelteilen die perfekte Waffe zusammenzustellen. Diese Waffe ist es schließlich, die den Blonden und Tuco am Ende wieder zusammenfinden läßt. Der Blonde hört einen Schuß und denkt laut: "Jeder Revolver hat einen besonderen Klang. Und dieser hier kommt mir bekannt vor." Das Motiv der Identifikation der Figuren mit ihren Waffen ist also auch im Italo-Western anzutreffen.

 

        b. Der Held ist unsterblich.

        "While not as immedeately discernible as it is in ancient mythology, conquest of death and the achievement of immortality ar nevertheless an important motif in the mythology of the American West" (Winkler 531). Winkler deutet das Wegreiten des Westernhelden am Ende des Films als Indiz für Unsterblichkeit, ebenso das Einfrieren des letzten Bildes (z.B. in Zwei Banditen) oder Rückblenden auf den Helden in Aktion während des Abspanns (z.B. The Wild Bunch). Wenn dies als Zeichen für die Unsterblichkeit des Helden gewertet werden kann, dann jedoch lediglich auf einer Metaebene, auf der der Film sich als Fiktion selbst reflektiert. Der Held ist unsterblich nur insofern, als er dem Publikum als lebend in Erinnerung gerufen wird. Auf der Textebene sind im traditionellen Western explizite Hinweise auf die Unsterblichkeit des Helden eher die Ausnahme.

        In den griechischen Sagen wird der Held jedoch als tatsächlich unsterblich dargestellt. Dies greift der Italo-Western als Motiv wieder auf, und stellt die Nähe zur antiken Sage bewußt wieder her, wie Sergio Leone betont: "Ich suchte die Protagonisten des Westerns zu symbolisieren. Für mich sind sie Urbilder wie die homerischen Sagengestalten" (Kließ 1969: 83).

        Die griechischen Helden unterscheiden sich von ihren Mitmenschen dadurch, daß sie unter Umständen in der Lage sind, in den Hades hinabzusteigen und lebend wieder emporzukommen. In vielen Italo-Western wird der Held zu Beginn davor gewarnt, in eine bestimmte Stadt zu reiten, da dort angeblich niemand lebend wieder herauskäme. Die Assoziation mit dem 'Reich der Toten' ist deutlich und wird noch durch bildliche Symbole unterstrichen, wenn z.B. in Handvoll der Weg in die Stadt an einem Galgen vorbeiführt und der Held tatsächlich beobachten kann, wie ein Toter aus der Stadt herausreitet. In Djangos Rückkehr muß Django in das Gebiet Orlowskis eindringen, der von allen nur 'der Teufel' genannt wird.

        Der Held ist in der Lage, die Grenze zum Totenreich symbolisch überschreiten, da er selbst auch mit dem 'Tod' assoziiert wird. Seine Helfer sind Totengräber (z.B. in Handvoll, Djangos Rückkehr, Django 3 etc): wie die Geier fühlen sie sich zu ihm hingezogen, da sie wissen, daß es in seiner Nähe Arbeit für sie geben wird. In Djangos Rückkehr fährt der Held selbst in der Kutsche eines Totengräbers herum, in Sartana antwortet er auf die Frage, wer er sei: "Ich bin auch ein Totengräber, aber Spitzenklasse!".

        Der Sarg, für normale Menschen die endgültige Ruhestätte, wird vom Helden als Zuflucht benutzt (Handvoll, Sarg). Situationen, die für normale Menschen zwingend tödlich sind, übersteht der Held unbeschadet: stets wird der Held brutal gefoltert; in Handvoll wird er mehrere Male 'totgeschossen' und steht trotzdem immer wieder auf, in Galgen oder auch Hängt ihn höher wird er aufgehängt, in etlichen Filmen gekreuzigt (z.B. Keoma, Bastard), stets jedoch wird er im letzten Augenblick heruntergeschnitten. Für den Showdown schließlich dient konsequenterweise oft ein Friedhof als Schauplatz (z.B. Halunken, Django): hier ist der Held in seinem Element.

        Die Opposition Leben/Tod wird im Italo-Western transzendiert: der Held nimmt ähnlich wie Achill das Risiko, als Krieger zu sterben, bewußt in Kauf, denn ein Leben wie das der unterdrückten Bauern ist für ihn gleichbedeutend mit Tod. Keoma macht diese paradoxe Einstellung explizit: der Held sieht, wie einige Banditen einen Bauern quälen und mischt sich ein: "Es ist leicht, einen zu töten, der schon tot ist". Keoma verachtet die Angst der Bauern, die sie davon abhält, sich zu wehren: "Tote brauchen vor nichts Angst zu haben." Dies bedeutet: nur wer kämpft, d.h. nur wer tötet, lebt ein lebenswürdiges Leben; wer nicht kämpft, ist selbst schon tot.

        Der Tod hat für den Helden des Italo-Western also seinen Schrecken verloren, da ihm das Leben schrecklich erscheint, was die obligatorischen Folterungsszenen unterstreichen.

 

        d. Der Held ist göttlicher Herkunft.

        Der Schritt von der Unsterblichkeit des Helden zum Status zumindest eines Geistes, oft aber auch eines Halbgottes oder Gottes ist nicht weit, was angesichts der Taten des Helden und dem katholizistischen Kontext eindeutig blasphemischen, d.h. bewußt provozierenden Charakter hat:

        Der deutlichste Hinweis findet sich in Halunken: Sentenza bezeichnet den Blonden als den 'Schutzengel' Tucos. Diese Metapher ist zwar alltäglich, ihr wird jedoch durch die unterlegte Musik besonderes Gewicht zuteil: ein Chor hebt an, der anzeigt, daß sich ein Gott oder göttliches Wirken offenbart.

        Keoma wird wie so viele andere Helden gekreuzigt, jedoch wird in Keoma die Parallele zur Jesusfigur durch ein gleichzeitig auftretendes Gewitter noch unterstrichen.

        Ebenso wie Keoma nimmt auch Silence, der Held aus Leichen, das Leid der Welt auf sich, wenn er von Loco niedergeschossen wird. Dieser schießt ihm zunächst in beide Hände, bringt Silence also die typischen stigmatisierenden Wundmale bei.

        Die griechischen Götter helfen ihren Lieblingsmenschen, indem sie sie in Wolken hüllen, um sie durch Gefahrenzonen zu bringen.[2] Dieses Symbol für die Nähe zu göttlichen Mächten wird auch im Italo-Western verwendet: in Handvoll schleicht sich Joe im Schutze einer vom Dynamit aufgewirbelten Staubwolke in die Stadt, wo ein plötzlicher Windstoß den Blick auf ihn freigibt, was den Eindruck erweckt, er sei förmlich aus dem Boden gewachsen. In Halunken sind der Blonde und Tuco von Scharfschützen umzingelt, können jedoch in einer ebenfalls von einer Explosion aufgewirbelten Staubwolke entkommen. In den angegebenen Szenen aus beiden Filmen werden die Aktionen des Helden durch eine Explosion bzw.durch Kanonendonner, vergleichbar dem Zorn des Zeus/Herrn, angekündigt.

        Django in Djangos Rückkehr fühlt sich wohl in seinem Leben als Mönch. Umstände zwingen ihn dazu, ganze Armeen niederzumähen, wozu seine Mitbrüder ihm jedoch ihren Segen mit auf den Weg geben. Django mordet also im Auftrag Gottes. Dies ist jedoch nicht so zu verstehen, daß Django somit ein 'Guter' im traditionellen Sinne sei, obwohl der christliche Gott sich anders als die griechischen Götter nur auf die Seite 'guter' Menschen stellt. Vielmehr ist die plakative Zugehörigkeit des Helden zu einem Mönchsorden die einzige Möglichkeit, die von Warshow definierte Ambiguität zu wahren.

        Der hier dargestellte mystische Aspekt der Heldenfigur wird in den nach den Italo-Western entstandenen Filmen mit Clint Eastwood weiter ausgelotet: der Held aus Hängt ihn höher erscheint seinen Widersachern, die glauben, ihn am Galgen sterben gesehen zu haben, wie ein rächender Geist. Ein Fremder ohne Namen läßt bis zum Schluß offen, ob der Held nun der Geist des ermordeten Sheriffs ist oder nicht. Pale Rider präsentiert einen mysteriösen Priester in der Heldenrolle, der den unterdrückten Siedlern als direkte Antwort auf ein Stoßgebet um Hilfe erscheint. Als er in die Siedlung geritten kommt, liest ein Mädchen gerade aus der Bibel vor: "Sein Name war Tod und die Hölle folgte ihm nach". In Erbarmungslos erscheint der Held zunächst entzaubert, indem er als trauriger, vereinsamter Mensch dargestellt wird. Am Ende wird der Mythos jedoch umso kraftvoller wiederhergestellt: der Held scheint wieder geradewegs aus der Hölle zu kommen.



[1]     Die Silberbüchse Winnetous, der Bärentöter und der Henrystutzen Old Shatterhands mögen als deultichste Beispiele für magische Waffen im Western gelten. Jedoch tauchen sie in deutschen, d.h. nicht-amerikanischen, d.h. unechten Western auf, werden also von Winkler vernachlässigt.

[2]     vergl. Ilias 367 - 381: Aphrodite rettet Paris aus dem Zweikampf mit Menelaos

 

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