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3.4.2.4 Die Sympathielenkung:

 

        Wie unter 3.4.2.1-3 beschrieben, weiß der Zuschauer so gut wie nichts über den Helden, außer daß er ziemlich schmuddelig ist und moralische Erwägungen für ihn keine Rolle spielen, und trotzdem fliegen ihm alle Sympathien zu. Im folgenden soll zu ergründen versucht werden, welche Mechanismen diese im Kontext des traditionellen Western so abstoßende Figur zum herausragenden Sympathieträger der Filme macht.

        a. Die Greueltaten des Bösewichts werden in den Vordergrund gespielt. Der Held wirkt allein schon deswegen sympathisch, weil der Bösewicht extrem unsympathisch ist. Zudem bedeutet schon allein der Sieg über den Bösewicht, daß der Held dem Opfer zu Hilfe kommt (auch wenn dies so gut wie nie seine primäre Absicht ist: einzige Ausnahme ist Djangos Rückkehr).

        b. Die Helferfiguren finden offensichtlich Gefallen am Helden, denn sonst würden sie sich, unabhängig wie sie sind, nicht auf seine Seite schlagen. Die Helferfiguren sind meist selbst sympathische Figuren, wie z.B. in Handvoll: der dicke, gutmütige Wirt erscheint als der einzige 'normale' Mensch; der kauzige Totengräber hat als stock character ('der komische Alte') seit jeher die Lacher auf seiner Seite. Die Sympathie, die diese Figuren für sich in Anspruch nehmen, strahlt automatisch auf den Helden ab.

        c. Der Held ist ein Waffenspezialist: niemand kennt sich mit Waffen so gut aus oder kann so gut mit dem Colt umgehen wie er (vergl. 3.4.2.5).

        d. Der Held unterscheidet sich von den anderen Figuren fast immer durch seine überragende Intelligenz, die ihn manche Schießduelle vermeiden, andere wieder durch List gewinnen läßt. So läßt sich Joe (Handvoll) zu Beginn weder auf einen Kampf mit dem Peiniger des kleinen Jungen noch mit den ihn beleidigenden Revolverhelden ein, obwohl später klar wird, daß er sich seiner Überlegenheit sehr wohl bewußt ist. Er behält stets einen kühlen Kopf, läßt sich nicht zu vorschnellen Reaktionen hinreißen, sondern schreitet erst zur Tat, wenn er den Überblick über die Lage gewonnen hat und Profit daraus schlagen kann. Ramon Rojo (der Bösewicht) traut Joe von Anfang an nicht: "he seems too intelligent for a hired gun". Das Duell am Ende gewinnt Joe nur, weil er sich eine Eisenplatte unter den Poncho gebunden hat, so daß Ramon sein Pulver wirkungslos verschießt. In Halunken entgeht der Held der Folterung durch den Bösewicht, der von ihm die Stelle wissen will, wo der Schatz vergraben liegt, den sie beide suchen. Der Bösewicht weiß, daß der Held zu intelligent ist, um unter der Folter zu reden, was ihn schließlich nicht retten würde. Beim Schlußkampf mit Sentenza und Tuco betrügt der Blonde die anderen gleich zweifach: erstens läßt er Tuco mit leerem Revolver antreten, muß sich also nur auf Sentenza konzentrieren, der sich jedoch zwei gefährlichen Gegnern gegenüber glaubt; zweitens hatte der Blonde gelogen, als er sagte, er würde den Namen des Grabes, in dem das Gold liegt, auf einen Stein schreiben; ein Sieg im Duell würde also nur dem Blonden etwas nützen, verlöre er, nähme er das Geheimnis um den Schatz mit ins Grab. Für die Ringos (Pistole), Arizonas (Galgen) und Joes (Spiel, Handvoll) gilt gleichermaßen, daß sie ihre Gegener durchschauen und berechnen können, und sie mit List gegeneinander ausspielen. Sabata (Sabata, Sabata kehrt zurück) stellt nicht nur in dieser Hinsicht eine persiflierende Überhöhung dar: als "James Bond des wilden Westens" (Seeßlen 184) ist er nicht nur im Zweikampf unbesiegbar, sondern hat jede Situation unter Kontrolle. Django (aus Django, Djangos Rückkehr) fällt, was die Intelligenz angeht, ein wenig aus dem Rahmen. Seine Versuche, den Gegner hinters Licht zu führen, scheitern ohne Ausnahme, was jedoch nicht allzu tragisch ist, denn schließlich hat er noch sein Maschinengewehr, mit dem er ganze Armeen in wenigen Minuten niedermäht.

        e. Der Held selbst erhält stets ausreichend Gelegenheit zu augenzwinkernden Sprüchen (d.h. wenn er überhaupt etwas sagt), die ihm die Zustimmung des Publikums sichern.

        f. Falls Frauen in den Filmen auftauchen, lassen sie keinen Zweifel daran, daß der Held hinsichtlich der sexuellen Attraktivität konkurrenzlos ist: Schweiß und Dreitagebart scheinen die Virilität noch zu erhöhen.[1] Der Bösewicht macht sich dagegen durch unerwünschte Annäherungsversuche oder gar Vergewaltigungen unbeliebt, hält sich der Held in der Regel vornehm zurück, denn Keuschheit gehört schließlich spätestens seit den mittelalterlichen Sagen zum Heldentum. Erst die späteren Eastwood-Filme spielen mit diesem Motiv: in Ein Fressen für die Geier verliebt sich der Held tatsächlich und die Frau überlebt dies sogar (falls in Italo-Western Frauen auftauchen, bleiben sie nur in Ausnahmefällen bis zum Schluß am Leben; sollte der Held gar deutliches Interesse für sie zeigen, ist dies als sicheres Todesurteil zu werten); Ein Fremder ohne Namen bricht wiederum alle Regeln: der Held vergewaltigt eine Frau, was diese ihm jedoch nicht übelnimmt, sondern nach Vollzug dankbar ermattet im Stroh liegt; Erbarmungslos ist nach dreißigjähriger Italo-Western-Tradition der erste Film, der sich des Themas intensiv annimmt, allerdings gerade so, wie man es von einem Italo-Western hätte erwarten können: so wird z.B. der einsame Held gefragt, ob er masturbiert, was der nur peinlich berührt abblockt mit "I guess I just don't need it that much". Dies mag auf Impotenz hindeuten, ist also ein harter satirischer Schlag gegen den auf übermenschlicher Maskulinität beruhenden Heldenmythos.

        g. Der Held gerät durch Hinweise auf Unsterblichkeit und Assoziation mit katholischen Symbolen in Gottesnähe (vergl. 3.4.2.5).



[1]     Dies ist ein deutlicher Bruch mit der Westerntradition, in der "habitual stubble and moustaches are unmistakable signs of villainy" (Pumphrey 83).

 

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