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3.4.2.3 Sein Innenleben

 

        Schon Gary Cooper und John Wayne verkörperten meist äußerst wortkarge Helden, jedoch wird wahrscheinlich in keinem traditionellen Western so wenig gesprochen wie in einem typischen Italo-Western,  und das wenige, was gesprochen wird, dient nicht der Informationsweitergabe: "der Dialog besitzt nur einen aphoristischen Sinn; die Filme könnten sehr gut auch stumm sein, man würde trotzdem verstehen" (Leone zitiert nach Fornari 21). Sergio Corbucci läßt in Leichen konsequenterweise gleich einen Helden auftreten, dem in seiner Kindheit die Stimmbänder durchschnitten wurden.

        Da Sprache als Informationsmedium ausfällt, ist nichts über Gedanken, Vorstellungen, Gefühle der Figuren zu erfahren, was nicht aus den Handlungen erschlossen werden könnte, d.h. Innenleben findet nicht statt, ist uninteressant. Selbst die Hauptfiguren der Italo-Western sind somit flat characters, "statische, der Entwicklung unfähige Figuren, der Commedia dell'Arte vergleichbar" (Seeßlen/Weil 191). Leone selbst erklärt, sich am sizilianischen Marionettentheater orientiert zu haben (Fornari 22).

        Die Schauspieler üben sich folgerichtig in der Kunst des Minimalismus, allen voran Clint Eastwood. In seiner Körpersprache ist stets die Überlegenheit des Helden gegenüber den anderen Figuren zu erkennen. Der Kopf ist stets stolz erhoben, seine Bewegungen sind, vom Pistoleziehen natürlich abgesehen, aufreizend langsam, die Gestik so sparsam wie möglich: der Held hat es nicht nötig, in Hektik zu verfallen, da er weiß, daß er siegen wird. Die Mimik ist äußerst eingeschränkt, die typische 'Coolness' wird in jeder Situation gewahrt. Da die Filme mit Clint Eastwood die erfolgreichsten Italo-Western waren, ist es nicht verwunderlich, daß sich die anderen Heldendarsteller an ihm orientierten.

        Da die Helden nichts über sich erzählen und aus ihrer Mimik ebenfalls kaum etwas zu erschließen ist, umgibt sie eine mysteriöse Aura: niemand weiß, woher sie kommen, niemand weiß, wohin sie gehen, niemand weiß, was sie eigentlich wollen. Über ihre Vergangenheit erfährt man nur das Allernötigste, z.B. daß ein Mitglied der Familie vom Bösewicht umgebracht wurde, wofür dieser jetzt büßen muß. Der Mann-ohne-Namen wird in Für ein paar Dollar mehr gefragt, was er denn mit dem vielen Geld anfangen wolle, das er durch seine Tätigkeit als Kopfgeldjäger verdient. Und tatsächlich gibt er eine Antwort, nämlich die, die ein Westerner üblicherweise gibt: er wolle damit vielleicht eine Farm kaufen, sich niederlassen. Die zögernde Art, mit der er dies sagt, macht jedoch deutlich, daß er ebensowenig wie alle anderen Helden weiß, was er mit dem Geld eigentlich machen will. Ein konkreter Plan würde zuviel über die Figur aussagen, würde den Aktionen zuviel Sinn verleihen, daher bleibt die Zukunft stets im dunkeln.

 

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