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3.4.2 Der Held

 

3.4.2.1 Seine Moral

 

        Ebenso wie durch den kultivierten Bösewicht bricht der Italo-Western die durch den traditionellen Western vorgegebenen Spielregeln, indem eine Figur die Heldenfunktion übernimmt, die, wie Clint Eastwood beschreibt, niemand dort vermuten würde:

 

Ein typischer Western verlief zu diesem Zeitpunkt ungefähr so: Held reitet in die Stadt, sieht Lehrerin auf Schulbank und Mann, der Pferd auspeitscht. Mischt sich ein. Verprügelt den Mann, der Pferd auspeitscht. Lehrerin sieht zu. man weiß, daß zwei Figuren zusammenfinden werden und daß es nicht der Held und das Pferd sein werden. In diesem Film (Handvoll) läuft es dagegen so: Sehr schäbig aussehender Mann reitet auf einer alten Mähre in die Stadt. Sieht Mann, der ein Kind verprügelt, und verzweifelte Frau, die dabei zusieht, offenbar irgendeine Gefangene. Dann reitet er wieder fort... Und sofort sagen sie sich: Das kann unmöglich der Held sein. Er trägt keinen weißen Stetson und tut nicht das Übliche.  (zitiert nach: Jeier 199-200)

 

Diese Figur kann als Prototyp für alle folgenden Helden des Italo-Western angesehen werden, denn die für sie charakteristischen Merkmale finden sich auf ähnliche Weise in allen Heldenfiguren wieder.

 

        Wie unter 2.1.1.4 ist die Ambiguität, die sich aus der Tatsache ergibt, daß der Held ein gnadenloser Killer ist, schon im traditionellen Western zu finden, im Italo-Western ist sie jedoch weitaus ausgeprägter. Versuchte man, den Helden auf der gut/böse Skala des traditionellen Westerns unterzubringen, so käme man wohl zu dem Schluß, daß er dem traditionellen Bösewicht näher ist als dem traditionellen Helden. Wenn eine gut/böse Skalierung überhaupt auf den Italo-Western anzuwenden ist (zu dieser Problematik: siehe oppositionale Struktur), so wäre die gesamte Werteskala des Italo-Western im Vergleich zum traditionellen Western in Richtung Unmoral verschoben:

 

 

Die Italo-Western übertreffen sich gegenseitig in dem Versuch, die Werteskala weiter und weiter nach rechts zu verschieben. Während der Mann-ohne-Namen noch als relativ 'gut' bezeichnet werden kann (in Handvoll befreit er eine gepeinigte Familie, in Halunken kümmert er sich um einen sterbenden Soldaten und teilt am Ende das gewonnene Geld mit Tuco, was er nicht nötig hätte) und Ringo als netter Mensch erscheint, stellt Django eine düstere Variante dar, jedoch verübt auch er keine wirklich schlechten Taten. Keoma dagegen erschießt einen Mann, weil er gerade dessen Pferd braucht, und läßt am Ende einen Säugling im Stich. Arizona (Galgen), Django (Sarg), Joe (Spiel) und Sartana (Sartana) dagegen haben nicht die geringste moralische Rechtfertigung für ihr Handeln und Il Nero (Il Nero) ist ein regelrechter Mörder.

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