<<  >>  TOC

3.4.1 Der Bösewicht

 

Die Italo-Western haben sich zu Recht nicht den Ruf erworben, feine charakterliche Unterscheidungen zwischen den Hauptfiguren zu zeichnen.[1] Sie verwenden viel Zeit darauf, die 'Bosheit' des Bösewichts in Szene zu setzen, denn dieser ist schließlich in erster Linie 'böse', alle anderen Attribute sind zunächst sekundär. Seine Schandtaten werden nicht angedeutet, sondern nehmen einen Großteil der Erzählzeit in Anspruch. Folterungen werden zelebriert mit "vielen lustvollen close-ups von ekelhaft blutverschmierten Gesichtern" (Blumenberg 30).

Zwei Typen von Bösewichtern lassen sich unterscheiden, wobei die Grenzen fließend sind:

a: der nach außen hin ordentliche Bürger, der eine der Schlüsselpositionen in der Stadt innehat, die allerdings durch unlautere Mittel (normalerweise Mord) erworben wurde. Bösewichter dieses Schlages sind üblicherweise Richter, Sheriffs oder Bankiers. Ihre Macht lassen sie über Umwege spüren, d.h. über Ausnutzung des Gesetzes oder ihres Geldes. Durch den Druck, den der Held auf sie ausübt, zeigen aber auch sie bald ihr wahres Gesicht und greifen zur Waffe (z.B. Dienstags, die Sabata-Filme).

b: der mit offener Brutalität herrschende Großgrundbesitzer und Ausbeuter. Was Typ A zunächst hinter einer Fassade von Anständigkeit zu verbergen sucht, lebt Typ B rücksichtslos aus: die pure Menschenverachtung. Dies äußert sich in Tontaubenschießen auf Menschen (Django, Django 2, Handvoll), Sklavenhandel (Django 3, Djangos Rückkehr), Ermordung von ganzen Familien (Halunken, Mord, Desperado) oder Volksstämmen (Stiefel, Keoma). Sexuelle Gewalt gegen Frauen geschieht sehr häufig (Handvoll, Djangos Rückkehr, Friedhof etc) und sadistische Freude an der Folterung von Gefangenen ist die Regel.

In einigen Fällen ist solche Barbarei gekoppelt mit erlesenem kulturellen Geschmack. In Desperado ergötzt man sich an Pariser Mode, in Sonne an klassischer Musik. Der Bösewicht in Djangos Rückkehr schwärmt von Europa und seiner Kultur, während vor seinem Fenster einige seiner Minenarbeiter aufgeknüpft werden. In Halleluja ist es schließlich ein Universitätsprofessor, der sich durch besondere Brutalität auszeichnet. Intellektualität steht Grausamkeit also nicht im Wege, sondern wird hier sogar eher als förderlich angesehen.

Alle diese Ausbeuterfiguren sind als Rassisten charakterisiert oder geraten gar in die Nähe des Nationalsozialismus: Sentenza (Halunken) führt das Kriegsgefangenenlager wie ein KZ-Aufseher, Major Jackson (Django) fällt mit einer Horde von Ku-Klux-Klan-ähnlichen Kapuzenmännern in die Stadt ein, Orlowski (Djangos Rückkehr) schwadroniert explizit über die rassische Minderwertigkeit der Bauern, die er in seiner Mine gefangenhält und verschleißt.

Das Äußere der Bösewichter symbolisiert nicht, wie im traditionellen Western, die innere Verderbtheit, sondern wirkt kontrapunktisch: an die Stelle des schwarzen Hutes treten der strahlend weiße Anzug (Djangos Rückkehr, Django 1-3 etc) und die blauen Augen (Djangos Rückkehr, Once upon).

Wie das Äußere schon deutlich symbolisiert, stellt der Bösewicht des Italo-Western einen neuen Typus dar, das Böse wird neu lokalisiert: die Gesellschaft selbst, die Zivilisation ist das Böse. Im traditionellen Western ist die Gesellschaft meist von außen bedroht (durch 'Wilde'[2] nämlich). Jedoch auch in dem Falle, daß sie von innen her bedroht ist, stellt der Held durch die Beseitigung des Bösewichts die Ordnung wieder her. Im Italo-Western jedoch dominiert der Bösewicht die Gesellschaft und zwar auf brutale, aber doch ordnungschaffende Weise. Mit Beseitigung des Bösewichts bricht also auch die vorhandene Gesellschaftsform zusammen.



[1]     "Um den Fremden [in Django] bedeutungsvoll erscheinen zu lassen, was sich der amerikanische Western mit Hilfe kleiner Gesten mühevoll erarbeitet, stattet man ihn einfach mit einem Sarg aus, den er hinter sich herziehen darf."  (Bädekerl 601)

[2]     'Wilde' bedeutet für Cawelti sowohl Indianer als auch Outlaws (vergl. Cawelti 46).

 

<<  >>  TOC