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3.4 Die Figurenkonzeption der Italo-Western

 

Kließ (1969) urteilt treffend über die Figurenkonzeption der Italo-Western:

 

[Die Helden] zeigen keinen Ansatz zur Fixierung, sie agieren als geschichtslose Schemen, sie gehen schießend und mordend durch ein Niemandsland...Die 'Dramaturgie' der Italo-Western, die...Brutalitäten, Sadismen, Schieß-Spiele und Massentötungen wie Perlen auf die Kette reiht, erlaubt Personen gar nicht, sich als Individuen herauszubilden...Die Helden des Italo-Western sind durch ihr Äußeres, durch Typisierung und Funktion innerhalb eines Schemas mehr definiert als durch Charaktereigenschaften.  (76)

 

Was für den Helden gilt, der den größten Anteil der Erzählzeit für sich in Anspruch nimmt, gilt natürlich erst recht für die marginalen Mittler-, Helfer- und Opferfiguren. Deren Kleidung ist zumeist schon ein sicheres Zeichen für ihre Funktion: die Mittlerfiguren sind mal amerikanische Revolverhelden und sehen so aus, wie man Westerner aus Hollywood-Filmen kennt, mal sind sie mexikanische Banditen und tragen Sombreros und sich über der Brust kreuzende Patronengurte; die Helfer sind Wirte, die offensichtlich selbst ihre besten Kunden sind, oder skelettartige Totengräber; als Opfer kommen schließlich meist mexikanische Bauern in Betracht, typischerweise mit weiten Leinenhemden und zerrissenen Hosen angetan. Frauen sind ebenfalls für die Opferrolle prädestiniert, kommen aber ohnehin nur selten vor, wie Sergio Leone knapp begründet:

 

Ich habe das Experiment gewagt, die Frau aus dem vitalen Zentrum des Western zu streichen, vor allem, weil die Protagonisten meiner Meinung nach keine Zeit für sie hatten und sich mit dem Problem des Überlebens herumschlagen mußten.  (zitiert nach Kließ 1969: 83)

 

Wenn in der Untersuchung der Fabulae der Italo-Western festgestellt wurde, daß drei Aktanten das Zentrum der Handlung bestimmen, so ist damit nicht notwendigerweise gesagt, daß auf der Story-Ebene drei gleichwertige Figuren zu finden sind. Sowohl Bösewicht als auch Dritter verfügen häufig über ganze Horden von Mittlerfiguren, der Held tritt jedoch typischerweise als Einzelgänger auf. Dies bedeutet, daß die Aktionen der Heldenfigur überpoportional viel Erzählzeit einnehmen, wohingegen Bösewicht und Dritter vergleichsweise selten im Bild sind. Das Hauptaugenmerk soll daher auf die Heldenfigur gerichtet sein.

Der Bösewicht soll hier ebenfalls behandelt werden, denn auch ihn betreffend ist es möglich, genreübergreifende Verallgemeinerungen zu formulieren.

Die Figuren, die die Position des Dritten füllen, sind jedoch von Film zu Film zu verschieden, als daß sich sinnvolle Verallgemeinerungen treffen ließen, daher sollen diese hier vernachlässigt werden. Denn während die Positionen 'Held' und 'Bösewicht' zumindest die Richtung festlegen, in der die entsprechenden Figuren ausgebildet sein können, ist die Position des Dritten relativ offen: das Spektrum reicht von Tuco, dem ständig redenden, schlitzohrigen Begleiter des Helden in Halunken, über Maria, die rachedurstige Frau aus Friedhof, zu General Hugo, dem unberechenbaren Anführer der wilden Räuberbande aus Django.

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