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2.2.3.4 Abweichungen vom 'Italo-Plot'

 

        - Insofern der einsame Reiter, der zu Beginn auftritt, normalerweise der Held des Filmes ist, lädt die damit verbundene Erwartung (vergl. 2.2.3.3) natürlich dazu ein, mit ihr zu spielen: Sergio Leone läßt in Halunken Lee Van Cleef als Sentenza als ersten auftreten. Er reitet in einen kleinen Ort hinein, wie ein Held dies normalerweise tut (z.B. Joe in Handvoll). Das heißt, der Zuschauer muß denken: dies ist ein möglicher Held. Doch schon die unterlegte Musik verrät, daß es sich hier um den Bösewicht handeln muß, und Minuten später begeht Sentenza seinen ersten kaltblütigen Mord an einer ganzen Familie. Anders als erwartet manifestiert sich somit Funktion D vor Funktion C.

        - In Once upon ist die typische dominante Dreieckskonstellation vorhanden: sowohl der Held als auch der Dritte haben eine persönliche Rechnung mit dem Bösewicht zu begleichen:

 

 

Mit Jill McBain kommt jedoch eine Opferfigur hinzu, die weitaus gewichtiger am Handlungsgeschehen beteiligt ist, als dies für Opfer gemeinhin der Fall ist: Frank will sie heiraten, Cheyenne ist in sie verliebt, sie jedoch liebt Mundharmonika:

 

 

Die Figurenkonstellation erreicht also eine Komplexität, die für das Genre eigentlich untypisch ist, ganz abgesehen davon, daß die zentrale Rolle einer Frauenfigur ohnehin für den Italo-Western außergewöhnlich ist (siehe auch 3.4).

        - Die Sabata-Filme konzentrieren sich auf den Kampf zwischen dem Helden samt seinen Helfern und dem Bösewicht. Es taucht zwar ein Dritter auf und stellt somit die genretypische Dreieckskonstellation her, jedoch ist der Dritte eine relativ marginale Figur. Die Kämpfe, die sich aus der Dreieckskonstellation ergeben, haben lediglich retardierenden Charakter, sie haben keinen Einfluß auf die weitere Entwicklung der Handlung. Man erhält den Eindruck, als sei die Dreieckskonstellation hier lediglich als Versatzstück in die Handlung eingefügt worden, um die Filme in das Genre zu integrieren.

        - Ringo kommt zurück weist die übliche Dreieckskonstellation überhaupt nicht auf. Erzählt wird die Geschichte von einem Mann, (Ringo) der aus dem Krieg in seine Heimatstadt zurückkehrt. Vor dem Krieg gehörte er zur mächtigsten Familie im Ort, die ihre Macht jedoch nie mißbraucht hatte. Nun muß er feststellen, daß ein Bösewicht nicht nur die Macht über die Stadt an sich gerissen hat, sondern zu allem Überfluß noch die Frau des totgeglaubten Ringo zur Ehe zwingen will, um seine Machtposition zu festigen. Ringo gibt sich seiner Frau zu erkennen und will mit ihr fliehen. Die jedoch befiehlt ihm zu kämpfen, da die Hoffnungen aller unterdrückten Menschen auf ihm ruhen. Ringo stellt sich zum Kampf und besiegt die Übermacht. Die Plotstruktur könnte somit dazu verleiten, Ringo kommt zurück als Rachestory unter Wrights "vengeance variation" einzuordnen, oder auch unter dessen "transition theme", aufgrund der kämpferischen Einstellung der Frau. Trotzdem bleibt kein Zweifel, daß es sich hier um einen Italo-Western handelt: der Bösewicht ist extrem gewalttätig; der Held erlegt Mittlerfiguren en masse; der Held gewinnt einen Totengräber als Helfer; die Bilder sind voll von religiöser Symbolik; spanische Gitarre, Chor und Trompete sorgen für die genreübliche Untermalung.

        - Die Funktionen K und M sind entscheidend für die Stimmung, die nach dem Film zurückbleibt. Sergio Leone beschreibt den Unterschied zwischen seinen Filmen (übertragbar auf alle Italo-Western) und den amerikanischen Western folgendermaßen: "Wenn bei John Ford einer zum Fenster rausschaut, hat er den Blick in eine strahlende Zukunft. Wenn bei mir einer das Fenster aufmacht, weiß jeder: der wird jetzt erschossen. Ford ist ein Optimist. Ich bin ein Pessimist" (Jeier 1987: 203). Leones Helden haben zwar keine strahlende Zukunft, aber immerhin überleben sie noch. Sergio Corbucci dagegen bricht in Leichen alle Regeln des guten (Kino-) Geschmacks und läßt seinen Helden am Ende durch den Bösewicht wie ein Lamm abschlachten. Als sei dies noch nicht genug, tötet der Bösewicht obendrein noch die Freundin des Helden und schließlich die gesamte Stadtbevölkerung. Schließlich reitet er als Sieger aus der Stadt, hat also den angestammten Platz des Helden an sich gerissen. Corbucci legt hier den allen Italo-Western inhärenten Pessimismus konsequent bloß, indem er dem Zuschauer den gewohnten Triumph am Ende vorenthält und damit jede Sinnstiftung, denn ein Triumph des Helden rechtfertigt im Nachhinein die Gewalt: wenn der Held schon kein 'Guter' ist, so ist die Gewalt zumindest angebracht, um den sympathischsten gewinnen zu lassen. Corbucci jedoch legt die Sinnlosigkeit der gezeigten Gewalt offen:

 

Man nimmt an einer lustvoll blutigen Orgie teil, goutiert ihre Präzision, und erschrickt am Schluß darüber, daß Corbucci tatsächlich nur eine sadistische Orgie gezeigt hat. (Blumenberg 1969: 30)

 

Friedhof zeigt eine vielleicht noch überraschendere und parodistischere Schlußwendung. Zunächst nimmt alles seinen gewohnten Gang: der Bösewicht tötet den Dritten, der Held besiegt den Bösewicht, plötzlich taucht jedoch die Tochter des Bösewichts auf und erschießt den Helden, wobei sie ihn noch dazu deutlich als Mann verschmäht, denn er würde am liebsten mit ihr fortgehen.

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