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2.1.1.2 'wilderness'/'civilization' im Italo-Western

 

        Die offensichtliche Nicht-Existenz einer funktionierenden Gesellschaft bewirkt eine Betonung der 'Wildnis' gegenüber der 'Zivilisation'. Zivilisatorische Errungenschaften wie Bildung (d.h. Schreiben- und Lesenkönnen) und technischer Fortschritt (d.h. Waffentechnologie) werden stets für Unterdrückung und Ausbeutung instrumentalisiert, d.h., bildlich gesprochen, dem 'Gesetz des Dschungels' untergeordnet.

        Häuser fungieren traditionellerweise als Symbole für 'Zivilisation', da sie normalerweise Schutz bieten vor den Gefahren der Wildnis. Im Italo-Western werden sie vollständig umgedeutet: Als bewohnte Räume kommen sie kaum vor, denn die meisten Italo-Western spielen in Geisterstädten oder solchen, die zumindest zum Teil verlassen sind. Wird die Wohnung eines reichen ausbeuterischen Bösewichts gezeigt, dann nur, damit sie spätestens gegen Ende des Filmes zu Bruch geht. Die Wüste ist schon gefährlich, Häusern jedoch muß sich der Held mit noch größerer Vorsicht nähern und ständig darauf gefaßt sein, daß aus einem unbewohnt scheinenden Haus plötzlich ein auf ihn gerichteter Gewehrlauf ragt.

        Die 'Wildnis' ist also in die Räume der 'Zivilisation' eingedrungen, d.h. nirgends ist man vor ihr sicher, und sicher sollte man vor ihr sein: anders als im traditionellen Western wird 'Wildnis' nicht romantisiert; es gibt den Ort nicht, wo der Mensch mit der Natur noch im Einklang sein kann. Es werden keine schönen Landschaften gezeigt, vor denen die einsamen Reiter sich bewegen (wie es zum Beispiel in Zwei Banditen, einem Western der "professional"-Kategorie, der Fall ist). Die 'Wildnis' ist absolut lebensfeindlich: die schönen Wälder und grünen Wiesen, aber auch die monumentalen Steinberge des traditionellen Western mußten langweiligen, staubigen Wüsten und sengender Sonne weichen (Dollar-Trilogie),[1] regnerischer Dunkelheit, in der die Menschen durch knöcheltiefen Schlamm waten müssen (Django, Keoma), oder aber eisigen Schneewüsten (Leichen).

        Daß die 'Zivilisation' keinen Schutz bietet oder gar noch lebensbedrohlicher ist, wird gleich zu Anfang der Filme deutlich gemacht, wie z.B. in Handvoll: der einsame Mann, der durch die Wüste reitet, findet als erste Anzeichen von 'Zivilisation' ein Grabkreuz oder einen Baum, von dem eine Schlinge hängt. Kaum in der Stadt, begegnet ihm ein Totengräber, der ihm auf nicht gerade geschäftstüchtige Weise rät zu verschwinden. Gelangt er zum Saloon, muß er sich spätestens dann mit Killern auseinandersetzen.



[1]     Handvoll, Für ein paar Dollar mehr und Halunken werden üblicherweise unter dem Begriff 'Dollar-Trilogie zusammengefaßt.

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