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1.2 Begriffsklärung: 'Genre'

 

Da der Begriff 'Genre' zumindest in der Literaturwissenschaft häufig als äußerst problematisch empfunden wird, soll zunächst geklärt werden, was hier gemeint ist, wenn von 'Genre' die Rede ist.

In Anlehnung an Hempfer (1973) wird hier eine konstruktivistische Position eingenommen, der entsprechend Genres kommunikative Normenkomplexe darstellen, "im Sinne von mehr oder minder internalisierten 'Spielregeln', nicht im Sinne von präskriptiven Postulaten" (Hempfer 223). Wie Berger/Luckmann (1980) gezeigt haben, werden solche internalisierten Normen dadurch, daß sie die Interaktion von Menschen beeinflussen, von diesen als der Objektebene zugehörig empfunden. Ein 'Genre' hat insofern sowohl für Textproduzenten als auch für Textrezipienten Realität,[1] denn Abweichungen von den 'Spielregeln' werden registriert, wohingegen Konformität als unmarkiert, d.h. unauffällig erlebt wird. Diese Sichtweise hat folgende Konsequenzen:

a. 'Genre' ist eine unausweichliche Kategorie (vergl. Walch 1991: 13). Genreerwartungen dienen stets als Grundorientierung im Rezeptionsprozeß.[2]

b. Nicht nur die Zugehörigkeit von Einzeltexten zu einem bestimmten Genre kann erklärt werden, sondern auch Variationen innerhalb eines Genres, denn wo es Spielregeln gibt, gibt es auch immer jemanden, der gegen sie verstößt: zumindest die ersten Italo-Western sind als Anti-Western bzw. als Persiflage auf den amerikanischen Western zu verstehen. Später bildete sich durch den kommerziellen Erfolg der ersten Italo-Western ein neues System von 'Spielregeln' heraus; mit den italienischen Anti-Western entstand also ein neues Subgenre des Western, das den Rezeptionshorizont für alle folgenden Western beeinflußte.

            c. Genregrenzen sind notwendigerweise fließend. "Jedes neue Werk ändert seine Gattung(en). Kein Werk geht vollständig in einer Gruppe auf" (Walch 13).



[1]     Filme werden hier als 'Texte' im weiteren Sinne aufgefaßt (vergl hierzu Schleicher (1991) und Lotman (1977).

 

[2]      vergl. auch Scherf (1989) und Olson, Mach, Duffy (1981)

 

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