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0. Einleitung  

Die von italienischen Regisseuren Mitte bis Ende der sechziger Jahre gedrehten Western wurden schon sehr früh unter dem Namen 'Italo-Western' als Genre zusammengefaßt. Obwohl die Filme beim Publikum sehr erfolgreich waren und auch die Kritik sich intensiv mit ihnen befaßte, wurde das Genre meist als 'trivial' abgetan, weswegen es in akademischen Untersuchungen zum Western lange Zeit unbeachtet blieb und bis heute kaum systematisch erfaßt ist.[1] Mit dieser Arbeit soll schrittweise dargestellt werden, daß die Italo-Western

a. die im traditionellen Western transportierten Werte auf den Kopf stellen,[2]

b. eine distinkte Plotstruktur aufweisen,

c. einen neuen Heldentypus in den Vordergrund spielen und

d. eine für das 'Trivial'-Kino der sechziger Jahre neuartige Filmsprache verwenden.

Auf diesen vier Ebenen fand mit dem Italo-Western keine einfache Variation, sondern eine revolutionäre Umwälzung innerhalb des Western statt, die die Kinogeschichte bis heute beeinflußt hat. Mit ihrem destruktiven Anarchismus ermöglichten die Italo-Western einen neuen Anfang für das Kino, indem sie eine Situation schufen, die die Möglichkeit bot, unbehelligt von puritanischer Moralität Geschichten zu erzählen, in denen die Differenz zwischen Gut und Böse nicht mehr an der Farbe des Hutes abzulesen, d.h. fließend oder gar nicht vorhanden ist.

Der Held des Italo-Western wurde vor allem in den Filmen von und mit Clint Eastwood weiterentwickelt (z.B. in Der Mann, der niemals aufgibt oder den Dirty-Harry-Filmen, die durchaus als 'moderne Western' gelten können). Bei den Heldenfiguren der neueren Filme aus der 'härteren' Kategorie (z.B. mit Steve McQueen, Charles Bronson oder Mel Gibson) ist die Verwandschaft mit dem Helden des Italo-Western ebenfalls unverkennbar.

Ebenso mögen die Italo-Western hinsichtlich ihres unverkrampften Umganges mit stilistischen Mitteln wie subjektiver Kamera, Großaufnahmen und gewagten Schnitten als Wegbereiter für das heutige Action-Kino anzusehen sein, in dem dem Publikum nicht mehr die Sicherheit der Position des distanzierten Beobachters gegönnt wird.


[1]     Selbst umfangreiche Analysen zum Italo-Western (wie z.B. Frayling 1981) haben mehr impressionistischen als systematischen Charakter.

 

[2]     Mit 'traditionell' ist der Western aus der Zeit vor der Welle der Italo-Western gemeint. Dies soll die Ansicht verdeutlichen, daß mit den Italo-Western sozusagen eine neue Zeitrechnung für das Genre beginnt, insofern als in der Wertstruktur des Western eine Revolution, d.h. ein Paradigmenwechsel im Kuhnschen Sinne stattfand. Das Unverständnis, das die zeitgenössische amerikanische Öffentlichkeit dem Italo-Western entgegenbrachte, ist ein Hinweis dafür, daß, wie von Kuhn für solche Fälle postuliert, ein Gestaltwechsel stattgefunden hat. Vergl. Kuhn (1970), Kap. X.

 

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